NEW ADDRESS – NEW LIFE

NEW ADDRESS – NEW LIFE

VON ANJA FAHS
(Veröffentlicht in THE GAZETTE Ausgabe 02 im April 2023)

„Ein Architekt, der nur Gebäude entwirft, ist wie ein Arzt, der nur Paracetamol verschreibt“, sagt Architekt Chris Hildrey. Er ist der Meinung, dass Architektur viel mehr kann, als nur Häuser zu konzipieren. Er hat den Anspruch, mithilfe seines architektonischen Know-hows die soziale Situation in England zu verbessern. 

Daraus entstand die Idee von „ProxyAddress“, ein System, das leere oder ungenutzte Adressen digital dupliziert und diese mit Personen verknüpft, die keinen festen Wohnsitz haben. Auf diese Weise erhalten Obdachlose eine virtuelle, ständige Anschrift, mit der sie Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sich ausweisen, eine finanzielle Vergangenheit aufbauen und schlussendlich ein neues, unabhängiges Leben beginnen können. Ein erstes Pilotprojekt in London ist bereits erfolgreich abgeschlossen worden. 50 Obdachlose bekamen eine Proxy-Adresse zugeteilt. Zu den Teilnehmern gehörten Personen, die zum ersten Mal von Obdachlosigkeit betroffen waren, Personen, die schon seit Jahren auf der Straße leben, Frauen, die vor häuslicher Gewalt fliehen mussten, Personen, die aus dem Pflegefamiliensystem entlassen wurden, und Militärveteranen.

Nach sechs Monaten hatten 95 Prozent wieder eine Anstellung und einen echten Wohnsitz. Heute arbeitet ProxyAddress mit vielen Partnern in den unterschiedlichsten Branchen zusammen und will das Projekt auf fünf weitere Städte ausweiten. Auch Sondierungen mit anderen Ländern laufen bereits. Wir sprechen mit Chris Hildrey über seine Idee und seinen Anspruch an die Architektur, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen.

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Interview mit Chris Hildrey, Architekt und Gründer von ProxyAddress

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Worin liegt Ihrer Meinung nach der richtige Wert eines Architekten?

Für mich liegt er in den Aspekten, die über den eigentlichen Akt des Bauens hinausgehen; er liegt darin, etwas gut zu bauen. Dies erfordert nicht nur eine gute Kenntnis von Materialeigenschaften und Bauvorschriften, sondern auch ein Verständnis von Proportionen, Raum, Licht, strategischem Design, visueller Kommunikation, sozialen Kontexten und der Geschichte des städtischen Umfelds. Diese Fähigkeiten ermöglichen es Architekten, gute Gebäude zu entwerfen, aber sie können genauso gut dazu verwendet werden, abseits vom Gebäude noch andere Dinge zu kreieren. Die Rolle des Architekten wird nicht durch das endgültige Ziel bestimmt, sondern durch die Fähigkeit, sich auf dem Weg dorthin optimal zurechtzufinden.

Es gibt bereits architektonische Standardlösungen für Obdachlosigkeit, wie zum Beispiel vorübergehende Unterkünfte im Winter. Warum ist das nicht genug?

Die Instabilität, dass man ständig oder innerhalb von 24 Stunden umziehen muss, oder in minderwertigen Unterkünften untergebracht ist, lässt nicht das Gefühl eines eigenen Zuhauses aufkommen, es ist nur ein Dach über dem Kopf. Nur eine Unterkunft bereitzustellen, ist nicht die Lösung für Obdachlosigkeit. Die Ursachen müssen behoben werden. Die Menschen müssen Zugang zu Hilfe und Unterstützung bekommen. Also beispielsweise medizinische Versorgung, aber auch Beschäftigung, IT-Dienste, ein Bankkonto und einen Platz in der Gesellschaft. Man muss ihnen den Weg zu Gesundheit, Unabhängigkeit und Glück ebnen. Erst dann können wir sagen, dass das Trauma der Obdachlosigkeit überwunden ist.

Erläutern Sie bitte, wie ProxyAddress dabei hilft.

In unserer modernen Gesellschaft ist eine Adresse nicht nur ein Ort, sondern ein Mittel zur Identifikation. Eine Person, die obdachlos ist, also keine feste Adresse hat, ist sofort von allen Diensten abgeschnitten, die eine Anschrift erfordern. Sie kann sich nicht um einen Job bewerben, keine Sozialleisten erhalten, kein Bankkonto eröffnen, sie erhält keine Post und keine Gesundheitsvorsorge. Aber genau das sind Dienste, die grundlegend nötig sind, um wieder auf die Beine zu kommen. ProxyAddress bietet eine feste Adresse während dieser Zeit der Instabilität. Anhand vorhandener Daten erstellen wir eine konsistente „Proxy“-Adresse, die für den Zugang zu Dienstleistungen verwendet werden kann, unabhängig davon, wo Sie wohnen oder wie oft Sie umziehen.

Welche Art von Wohnungen oder Gebäuden nutzen Sie? Kann es jedes sein?

Es kann sich um fast jedes Gebäude handeln; die einzige Bedingung ist, dass es sich um eine Wohnadresse handeln muss. Wir können bewohnte oder leere, im Bau befindliche oder fertige Häuser oder Wohnungen verwenden, die sich im Besitz von Privatpersonen oder Institutionen befinden. Es handelt sich dabei um reale Adressen. Die Verwendung der Adresse stellt auch kein Risiko für die bestehende Immobilie dar. Weder wird die Kreditwürdigkeit des Eigentümers noch der Wert seiner Immobilie durch die Nutzung beeinträchtigt. Alle Rechtsvorschriften, beispielsweise zur Bekämpfung von Geldwäsche und Betrug, werden auf höchstem Niveau eingehalten.

ProxyAddress arbeitet mit Partnern zusammen, so zum Beispiel Barclays und Mastercard. Was tragen die Banken dazu bei?

Partnerschaften mit großen Organisationen wie Mastercard und Barclays haben ProxyAddress geholfen, den Wandel auf Business-
ebene zu erreichen und andere Unternehmen und Branchen dazu zu bewegen, ihre Arbeitsweise ebenfalls zu ändern. Der erste Schritt war die Teilnahme am „Centre for Inclusive Growth“ von Mastercard und der Royal Society of Arts. Diese Initiative half uns, die von ProxyAddress schon durchgeführten Untersuchungen in Bezug auf alle Fragen des Rechtsrahmens mit Experten zu erörtern, professionelle Beratung zu bekommen und eine rechtssichere Projektbasis zu erarbeiten. Im Anschluss daran wurde eine Partnerschaft mit Barclays geschlossen. Dadurch sind wir in der Lage, ProxyAddress-Teilnehmern ein Bankkonto und eine Bankkarte zur Verfügung zu stellen. Dies erleichtert ihnen den Zugang zu Beschäftigung, Mietverträgen, Ersparnissen und finanzieller Beratung: Elemente, die in Kombination mit den anderen von uns angebotenen Dienstleistungen Menschen in prekären Situationen helfen können, ihre Unabhängigkeit wiederzuerlangen. 

ProxyAddress ist ein Beispiel dafür, dass Architekten nicht nur Gebäude entwerfen, sondern auch einen positiven Einfluss auf die gebaute Umwelt haben können. Welche anderen Möglichkeiten sehen Sie?

Eine meiner Lieblingsinitiativen ist „Public Practice“, eine in Großbritannien ansässige gemeinnützige Organisation, die versucht, mehr Architekten in den öffentlichen Sektor zu vermitteln.

Ein weiteres Beispiel ist Eyal Weizman von „Forensic Architecture“, der mit seinem Team an der Goldsmiths University of London räumliche und architektonische Analysen einsetzt, um Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen. Ihre Ergebnisse wurden in nationalen und internationalen Gerichtssälen, bei parlamentarischen Untersuchungen und bei Versammlungen der Vereinten Nationen (UN) vorgestellt – eine sehr direkte Art, architektonische Fähigkeiten einzusetzen, um den Betroffenen in der gebauten Umwelt zu helfen.

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Über Chris Hildrey:

Chris Hildrey ist ein preisgekrönter Architekt und Designer aus Liverpool, der jetzt in London lebt und dort sein Designstudio „Hildrey Studio“ führt. Er gründete ProxyAddress, um die systemischen Probleme der von Obdachlosigkeit Betroffenen anzugehen.

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www.proxyaddress.org

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Picture credit © ProxyAdress


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