STILSICHER DURCH DIE JAHRZEHNTE

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Lenny Kravitz im Interview über sein aktuelles Album und seine Zeit als Rebell

VON ANJA FAHS

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe 1 2015)

Der US-Megastar Lenny Kravitz veröffentlichte im September vergangenen Jahres „Strut“, sein 10. Studioalbum, und landete damit sofort auf Platz 2 der deutschen Albumcharts. Die gleichnamige Tour im Herbst zählte in Deutschland mit knapp 40.000 Besuchern bei fünf Auftritten zu den erfolgreichsten des Rockstars. Kein Wunder also, dass er auch in diesem Sommer gerne wieder nach Deutschland kommt. Für ein exklusives Freiluftkonzert macht Lenny Kravitz am 24. Juni 2015 Station auf dem Kemptener Allgäuhallen-Platz.  

Seine Stilsicherheit stellt der charismatische Sänger inzwischen auch als Gründer der Kreativschmiede „Kravitz Design Inc.“ unter Beweis. An erster Stelle steht für ihn jedoch weiterhin die Musik. Dies demonstriert die Herangehensweise an sein jüngstes Album „Strut“ deutlich, denn hier ist der Multiinstrumentalist nicht nur als Sänger, sondern auch als Bassist, Gitarrist, Keyboarder, Schlagzeuger, Perkussionist, Produzent und Arrangeur beteiligt. Herausgekommen ist eine zeitgemäße Fusion von Disko, Soul und Rock, die ihn an den Beginn seiner Karriere erinnert: „Es kommt mir vor, als würde ich gerade erst am Anfang stehen.“ Welche Bedeutung „Strut“ für ihn persönlich hat und welche Einflüsse und Gefühle er darin verarbeiten konnte, erzählt uns Lenny Kravitz im Interview.

Lenny, du hast gesagt, das Album sei sehr spontan entstanden und einfach aus dir herausgeplatzt. Fühlte es sich wie eine Erleichterung an?

Lenny Kravitz: Ich musste mich für diese Platte überhaupt nicht anstrengen, was toll war. Es ging einzig und allein um Spontaneität. Ich habe einfach alles rausgelassen, ohne großartig darüber nachzudenken. Zu jener Zeit hatte ich eigentlich gar nicht vor, eine Platte aufzunehmen. Ich war mit den Dreharbeiten zu dem Film „Catching Fire“ beschäftigt, und auf einmal hörte ich diese ganze Musik in meinem Kopf. Die Songs sprudelten einfach so aus mir heraus. Wenn ich also sage, dass ich mich für das Album nicht anstrengen musste, dann meine ich damit, dass ich mich einzig und allein darum kümmern musste, diese spontanen Ideen festzuhalten und aufzunehmen.  

Diese Arbeitsweise erzeugt bestimmt ganz neue Kreativität, oder?

L. K.: Ja, denn du folgst einfach einem Prozess, der bereits angelaufen ist. Das war ein großartiges Gefühl. Ich bin sehr zufrieden mit dem Resultat. Die Musik gefällt mir sehr gut und ich hatte viel Spaß auf dem Weg, der zu diesem Album geführt hat. Alles drehte sich nur um Spontaneität und erste Eindrücke. Nachdem ich Bass, Schlagzeug und Gitarre, also die grundlegende Rhythmussektion, aufgenommen hatte, habe ich jeden Song nach dem Gefühl benannt, das er mir gab. Ich wusste: Das ist „She’s a beast“, das „Frankenstein“ oder „I never want to let you down“. Was immer der Song mir vermittelte, wurde zum Titel. Und ich hielt an diesen Titeln fest, als ich später die Texte schrieb. Alles begann mit dem ersten Eindruck. So habe ich noch nie zuvor gearbeitet. Normalerweise gibt man einem Stück einen Arbeitstitel, damit man weiß, um welchen Song es geht. Aber dieses Mal habe ich alle Titel so gelassen. Das war ziemlich cool, denn es ging ausschließlich darum, was die Musik mir vermittelte.

Du hast gesagt, dass sich das Album wie die Zeit in der Highschool anfühlt. Für mich ist das die Zeit des Rebellentums. Warst du ein Rebell?

L. K.: Yeah, aber ich war ganz ich selbst. Ich lebte mehr oder weniger auf der Straße. Mit 15 bin ich von Zuhause weg. Ich ging zwar auf die Highschool, aber ich wohnte mal hier, mal dort. Das konnte auch schon mal ein Auto sein, in dem ich schlief. Ich habe versucht, meinen eigenen Weg zu finden. Ich wollte ich selbst sein und nicht der Masse hinterherlaufen.  

Wer oder was hat dich zu der Zeit geprägt?

L. K.: Als ich zur Highschool ging, waren das Leute wie Bowie, Prince, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, das ganze gute Zeug, Earth Wind And Fire ... Ich hatte einen sehr eklektischen und breitgefächerten Musikgeschmack. Miles Davis war auch sehr wichtig. Das war eine tolle Zeit. In Los Angeles wurde damals auch sehr viel New Wave gespielt. Es gab dort eine tolle Szene. Die Musik gab die Richtung vor. Sie war und ist der Soundtrack des Lebens. 

Diese Stars haben vor langer Zeit angefangen, Musik zu machen. Heute gibt es ja viel mehr Musikerinnen und Musiker. Ist es deiner Meinung nach schwieriger geworden, sich durchzuboxen und erfolgreich zu werden?

L. K.: Ja, vielleicht schon. Wie du sagst, gibt es heute sehr viel mehr Auswahl. Vieles davon ist aber auch entbehrlich. Langlebigkeit ist heute auch so ein Problem. Das ist schon interessant: Je länger du im Business bist, desto mehr Leute triffst du, die von dir inspiriert wurden. Diese Leute sind mit deiner Musik aufgewachsen und vielleicht bist du sogar einer der Gründe, warum sie selbst Musiker geworden sind. Das ist schon sehr cool. Ich habe schon einige solcher Begegnungen gehabt. 

Für das Album hast du viele Instrumente selber eingespielt. Im ersten Stück beispielsweise werden auch Weingläser als Instrumente eingesetzt. Wie kam das denn?

L. K.: Uns gefiel der Klang. Ich brauchte Percussions für den Song, die möglichst hoch klangen. Weingläser eignen sich hervorragend als Instrument. Ich weiß nicht mehr genau, was ich benutzt habe, Essstäbchen oder irgendwelche dünnen Holzstöckchen, glaube ich. Damit habe ich dann die Percussions auf den Weingläsern gespielt.

Nach so vielen Jahren im Geschäft ist man doch bestimmt sehr routiniert. Wie brichst du diese Routine?

L. K.: Das stimmt schon. Die Routine kann sich in vielerlei Hinsicht äußern, aber wenn es darum geht, Musik aufzunehmen, dann habe ich zusammen mit Craig Ross die Sache in der Hand. Wenn ich Bläser oder ein Orchester brauche, arrangiere ich diese Sachen im Voraus und hole mir dann die entsprechenden Musiker. Eine Art, bei diesem Album mit der Routine zu brechen, war, beim Abmischen meine üblichen Gewohnheiten abzuschütteln. Ich war sehr inspiriert von dem Klang bestimmter Aufnahmen, wie etwa „Tattoo You“ von den Stones oder „Let’s Dance“ von Bowie. Beide Platten wurden von Bob Clearmountain aufgenommen. Ich rief ihn an und fragte ihn, ob er mit mir arbeiten und mein Album mischen wolle. Er willigte ein. Also fuhr ich nach LA und habe dort mit ihm die Platte gemischt. Es war fantastisch. Er hat dem Album Leben eingehaucht. 

Kannst du uns diesen besonderen Sound mal beschreiben?

L. K.: Es sind eine bestimmte Klangqualität, eine besondere Art zu Mischen und die Effekte, die seinen Sound auszeichnen. Meine Platte klingt zwar wie keines der beiden Alben, aber es gibt eine gewisse klangliche Komponente, die mir bei Bowie und den Stones sehr gefällt, die er auch hier herausgearbeitet hat. 

Um wen geht es in den Songs auf dem Album: Um andere Freunde oder auch um dich?

L. K.: Natürlich geht es hier und da um mich, aber in gewisser Weise geht es um uns alle. Es geht um diese ganzen Probleme, die wir mit Beziehungen haben. Das Leben ändert sich. Einige essentielle Dinge bleiben zwar gleich, aber das Leben ist immer in Bewegung. Wenn deine Perspektive sich erweitert und du beginnst, auf Dinge zurückzuschauen, verändert sich deine innere Einstellung.

Ich habe von dir auch ein paar Fotos entdeckt, die du online gepostet hast. Viele Momente aus der Vergangenheit, unter anderem mit Neneh Cherry und Terence Trent D´Arby. Bist du sehr nostalgisch?

L. K.: Jeder hat diese nostalgischen Momente, wenn er die guten alten Fotos postet. Mir macht so was aber auch Spaß. Manchmal stolpere ich per Zufall darüber, oder jemand schickt mir solche Bilder zu, und da ist dann plötzlich ein Schnappschuss von Terence, Neneh und mir dabei, den ich sofort hochlade. Neneh hat übrigens gerade eine richtig coole Platte draußen.  

Oft merkt man ja auch erst im Nachhinein, dass ein vergangenes Jahrzehnt gut war. Geht es dir da ähnlich? 

L. K.: Ich habe die 80er-Jahre sehr bewusst miterlebt und oft habe ich rumgenörgelt, weil ich ein großer Fan der 60er war. Aber die Eightys waren großartig. Vor etwa einem Jahr habe ich mal eine ganze Nacht damit verbracht, nur Musik von damals zu hören. Viele Stücke waren der Soundtrack zu meiner High-School-Zeit. Die Produktionen, das Songwriting, die Hingabe waren unglaublich. Damals habe ich diese Musik zwar gut gefunden, aber ihre wahre Qualität ist mir lange Zeit verschlossen geblieben.   

Ein Song auf dem Album heißt „Happy Birthday“. Feierst du deine Geburtstage? 

L. K.: Nicht alle. Das kommt ganz drauf an, ob ich auf Tour bin oder gerade arbeite. Meistens wird kurz gratuliert, aber das war’s dann auch schon. Manchmal richten Freunde auch ein Abendessen aus oder organisieren eine Party. Der Song entstand aber ohne konkreten Grund. Keine Ahnung warum. Ich nannte ihn „Happy Birthday“, und wie ich dir schon sagte, habe ich die spontanen Titel beim Schreiben der Texte immer beibehalten. Der Titel stand also fest, und jetzt haben wir eben ein weiteres Geburtstagslied. Stevie Wonder hat eins geschrieben, ich habe jetzt auch eins, und die Beatles haben ebenfalls ein ganz gutes hinbekommen.   

Du bist ja auch schauspielerisch unterwegs. Siehst du zwischen Film und Musik eine Verbindung? 

L. K.: Die gibt es. Manchmal nehme ich Musik auf und im Fernsehen läuft währenddessen ein Film ohne Ton, um mich zu inspirieren. Ich liebe es, Filme zu drehen und werde das auch weiterhin verfolgen. Und natürlich würde ich auch sehr gern einen Soundtrack schreiben.

Wenn du Musik machst, offenbarst du dich. Kann man sich beim Filmemachen besser verstecken, weil man nur eine Rolle spielt? 

L. K.: Du kannst im Film du selbst sein, aber du kannst auch etwas völlig anderes tun. Was mir am Filmemachen so gefällt, ist die Tatsache, dass es nicht um mich geht, sondern darum, dem Charakter gerecht zu werden und dem Regisseur zu dienen. Ich mag das. Es ist eine gute Entlastung für mich. 

Die Texte auf deinem Album handeln unter anderem davon, dass es mit manchen Frauen nicht geklappt hat. Bist du da auch selbstkritisch und sagst auch mal: „Es war mein Fehler!“? 

L. K.: Wir machen alle Fehler. Es geht darum, daraus zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Manchmal kommt es dazu, dass sich Fehler wiederholen, weil wir noch nicht herausgefunden haben, wie man sich davon befreit. Wir fragen uns dann, warum wir schon wieder so etwas tun. Meistens sind das Dinge, an denen wir noch nicht genug gearbeitet haben. Man muss sensibel sein und in sich hineinschauen können, um solche Fehler zukünftig zu vermeiden.

Du hast bereits mit so vielen deiner Kollegen Musik gemacht. Gibt es da noch wen, mit dem du mal gerne auf der Bühne stehen willst?  

L. K.: Ich könnte dir jetzt tagelang Namen aufzählen. Allerdings habe ich das große Glück gehabt, schon mit vielen meiner Helden spielen zu dürfen. Bob Dylan, David Bowie, Mick und die Stones, Curtis Mayfield, Prince ... Mir fallen jetzt gar nicht alle ein. James Brown oder Michael Jackson waren auch dabei. Schauen wir einfach mal, wer als nächstes kommt. 

lennykravitz.com

Picture credits © Mathieu Bitton


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