FLORIAN LUTZ ÜBER APPS ON ISCM

FLORIAN LUTZ ÜBER APPS ON ISCM

"Zeitgemäße Unternehmer müssen anfangen, größer zu denken."

VON TEMEL KAHYAOGLU

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe 3 2018)

Stellen Sie sich vor, Sie stehen kurz vor Ihrem Heimflug von einer Geschäftsreise. Auf Ihr Smartphone haben Sie bereits die App der Fluglinie heruntergeladen, in der sich auch schon Ihre Bordkarte befindet. Mit derselben App könnten Sie aber ebenso bequem und bargeldlos im Duty Free Shop einkaufen gehen und sich die Waren auch noch direkt nach Hause liefern lassen. Momentan sind hierfür noch umständliche Versandformulare notwendig. Ein solches Szenario setzt die Verbindung mehrerer Datensysteme voraus, da unterschiedliche Aufgaben in nur einer Anwendung gebündelt werden sollen. Der so entstandene kombinierte Kundennutzen aber ist immens, und die Möglichkeiten sind beinahe grenzenlos. 

Herr Lutz, in unserem letzten Analysten-Audit wurde der Terminus „Apps on ISCM“ ins Leben gerufen. Können Sie kurz beschreiben, worum es dabei geht?

Ein gut funktionierendes Information Supply Chain Management (ISCM) ist die Grundlage für Apps on ISCM. Das ISCM beschreibt bekanntlich den Informationsfluss von der Datenbeschaffung über die -aufbereitung bis hin zur -distribution und umfasst alle involvierten Mechanismen und Verantwortlichkeiten. Somit ist das ISCM gewissermaßen das Fundament der Apps on ISCM, die wir klar abgrenzen von den Ausleitungsmedien an sich, die in der Distributionslogistik anzusiedeln sind. Mit Apps on ISCM bezeichnen wir vielmehr mögliche neue Geschäftsfelder, die sich dank des ISCM eröffnen. Dabei sind sie auf der gesamten Information Supply Chain positioniert. Das Konzept erlaubt es uns, in ganz neuen Dimensionen zu denken – New Business eben.

Ein gutes Beispiel hierfür ist WeChat. Der chinesische Internetgigant Tencent präsentierte WeChat damals als Chat App für Smartphones. Inzwischen ist es das omnipotente Multiservice-Tool für die ganze chinesische Region, inklusive Mobile Payment, dem Buchen von Taxis oder Bestellen von Lebensmitteln und Essen. Unternehmen haben eigene WeChat-Profile und können sogar Mobile Stores eröffnen. So wie der Funktionsumfang wächst, wachsen auch der Einfluss und die Alleinstellung der App.

Das klingt spannend, aber auch nach einer großen Herausforderung. Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für Apps on ISCM?

Tatsächlich ist die wichtigste Voraussetzung in nahezu allen Unternehmen bereits gegeben – so gut wie alle verfügen über große Mengen an Daten, die allerdings oftmals ungenutzt in irgendwelchen Systemen liegen. Schlimm ist außerdem, dass in vielen Fällen die Systemlandschaft immer noch von Datensilos dominiert wird. Daher muss zunächst dafür gesorgt werden, dass bestehende und geplante Systeme durch Schnittstellen performant miteinander verknüpft werden. Nur so kann ein agiler Datenfluss gewährleistet werden. Denn damit Apps on ISCM gebaut werden können, muss es möglich sein, Daten auf Knopfdruck abzurufen – egal, wo sie sich aktuell befinden. Das macht ein effizientes Fundament unabdingbar. Eine weitere Voraussetzung ist ein Umdenken innerhalb der Unternehmen. Digitalisierung und Optimierung sind die Begriffe, die den meisten Entscheidern als Erstes in den Sinn kommen, wenn sie nach ihrer Unternehmensstrategie gefragt werden. Der technologische Fortschritt und das Bestreben danach sind so verankert im kollektiven Bewusstsein, dass es vielen schwerfällt, einfach mal loszulassen und größer zu denken. Apps on ISCM hat vielmehr mit zeitgemäßem Denken beziehungsweise zeitgemäßem Unternehmertum zu tun. Die erste Frage sollte sein, wie man die Kunden überzeugen und größtmöglichen Nutzen für sie generieren will. Erst in einem zweiten Schritt kann geprüft werden, welche technischen Voraussetzungen dafür gegeben sein müssen. Ist man hier sowieso schon gut aufgestellt, darf man sich mit der Entwicklung visionärer, neuer Geschäftsbereiche nicht zu viel Zeit lassen.

Können Sie uns anhand eines Beispiels beschreiben, wie Sie Unternehmen dabei unterstützen, aus ihren Daten tatsächlichen Nutzen zu ziehen?

Mit der Drogeriemarktkette Budni haben wir ein spannendes, digitales Point of Sales-Projekt umgesetzt. Nutzer haben durch ihre Kundenkarte Zugang zu individuellen Rabatten, die über unterschiedliche Kanälen angeboten werden, wie beispielsweise über Smartphone und Apps, aber auch über stationäre Kiosksysteme direkt in den Läden. Für die Auswahl der Rabatte haben wir gemeinsam mit einem Partner einen Algorithmus entwickelt, der kundenindividuelle und artikelspezifische Preisnachlässe errechnet und dank wachsender Big Data dabei immer besser und genauer wird – also quasi „Discount on Demand“. Dabei ist die Kaufschwelle des Kunden, also der Preis, den die Kunden gerade noch zu zahlen bereit sind, die maßgebliche Orientierung für den Algorithmus. So gesehen, nutzen wir die bei Budni bereits vorliegenden Kundendaten durch dieses System als „verlängerten Verkäufer“, der genau weiß, was die Kunden wollen und welchen Preis sie dafür maximal zahlen würden – was sich in der Praxis auch schon bewährt hat. Bei dem Projekt haben wir also von der Konzeption und Kreation über die Apps bis hin zur Kioskentwicklung alles aus einer Hand umgesetzt.

Gibt es denn schon messbare Erfolge?

Budni betreibt aktuell ungefähr 180 Filialen in der Region Hamburg und hat gerade nach Berlin expandiert. Mit zwei Kiosksystemen in einer Filiale, um Warteschlangen zu vermeiden. Zum jetzigen Zeitpunkt nutzen bereits über 1,5 Millionen Haushalte die Kundenkarte. Bis zu 24.000-mal am Tag werden Rabatte durch den Algorithmus ausgespielt, und das hat im Schnitt zu 15 Prozent größeren Warenkörben geführt. Ungefähr 35 Prozent dieser Warenkörbe bestehen aus rabattierten Artikeln.

So gesehen gibt es ja fast endlos viele Möglichkeiten für Unternehmen, durch Apps on ISCM echten Nutzen aus ihren Daten zu ziehen. Fallen Ihnen noch weitere Beispiele ein?

Ich persönlich fände eine Multiservice-App für mein Auto großartig. Bis ich einen Termin mit meiner Werkstatt ausgemacht habe, können gut und gerne drei Tage vergehen. Mit einer App, die mit dem Auto selbst, meinem Kalender und der Werkstatt verbunden ist, könnte ich meine Zeit da sehr viel effizienter gestalten. Denkbare Mehrwerte wären auch ein verknüpftes Ersatzwagensystem oder eine Anbindung an eine Autovermietung. Die App könnte mich rechtzeitig über einen Wartungstermin informieren und mir Sonderangebote anzeigen. Oder stellen Sie sich vor, Sie sind Besitzer einer Triumph Thunderbird und Ihr Motorradhändler bietet eine Multiservice-App an, die wichtige Ersatzteile aufspüren und durch nur einen Klick an die Werkstatt schicken kann, gleichzeitig noch einen Termin macht und Ihnen eine Ersatzmaschine besorgt.Wahrscheinlich gibt es für jede dieser Einzelaktionen bereits eine eigene App. Die Verknüpfung all dieser Aufgaben für eine kombinierte Kundennutzung aber ist genau das, was wir mit Apps on ISCM meinen.

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FLORIAN LUTZ

Florian Lutz leitet bei Lösch die Entwicklung von neuen, innovativen Geschäftsmodellen. Im Zentrum stehen dabei immer der Kundennutzen und die Betrachtung aus Kundensicht für erfolgreiche und nachhaltige Konzepte. Sein Gespür dafür erwarb der Marketingexperte in internationalen Positionen, bevor er bei Lösch in die Geschäftsführung eintrat. 

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Picture credit © Studio Simone Schneider


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